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Theaterkolumne: „Der Junge im Bus“

„Wir spielen tatsächlich IM Bus und Sie sitzen mit darin. Es kann daher sein, dass es sich für Sie ein bisschen nah anfühlt, da aufgrund der Enge natürlich der Sicherheitsabstand fehlt“, bereitete uns der Regisseur und Leiter des „Junges Theater Wolfsburg“ Bernd Upadek noch im Foyer vor. „Aber genügend Sauerstoff ist doch vorhanden, oder?“, fragte eine Dame neben uns, wobei sie sich leicht ängstlich mit ihren Eintrittskarten quasi zur Sicherheit im Voraus Luft zufächerte.

Ja – Sauerstoff war vorhanden – obwohl uns in der nächsten Stunde dennoch das eine oder andere Mal die Luft wegbleiben sollte …

17_04_01 Der Junge im Bus SZH 16_17„Ich bin verrückt“, eröffnet Tim Schaller alias Wichard, als wir alle unsere Plätze gefunden hatten. Danach erklärt er lächelnd schnaubend, was er alles so anstellen könnte, um uns das zu beweisen. Doch eigentlich muss er das gar nicht, denn als er uns nach und nach seine Geschichte erzählt, hätte es wohl jeden von uns eher gewundert, wenn er dabei nicht verrückt geworden wäre.

Als Kind von einer manisch pingeligen und scheinbar überstrengen und herzlosen Mutter (gespielt von Silja Drach) erzogen worden, in der Schule aufgrund seiner massiven Ausdrucksweise nicht enden wollender Schreie und Tritte komplett missverstanden und abgeschoben, landet er schließlich im (wie er es bezeichnet) Irrenhaus, wo nun ER zusätzlich zu den zahlreichen Spritzen die Tritte und Schläge ab- oder zurückbekommt. Anstatt ihm einen familiären, stützenden Rahmen zu geben, verlässt ihn seine Mutter als er 12 ist, um einen Carlo zu heiraten. Sie schenkt ihm einen Bus, in dem er nun „lebt“.

Doch auch wenn die Mutter ihm den Rücken gekehrt hat, kann Wichard (der eigentlich Richard heißt) sie nicht loslassen – hasst und liebt sie gleichermaßen. Immer wieder sieht er sie vor sich im Bus stehen – immer wieder überblenden Konflikte seiner Kindheit die Realität. Es gibt dabei nur zwei Dinge, die ihm helfen nicht durchzudrehen – sich zu beruhigen. Das eine ist das stetig immer wieder wiederholende Aufsagen der 713er Reihe und das andere ist seine Freundschaft zu Karolien (gespielt von Jenny Klippel), die bei ihm ist, wenn er sie braucht, ihn mit dem Bus durch das Land fährt, wenn sein Verfolgungswahn klaustrophobische Auswirkungen annimmt und ihm hilft, seine eigenen Antworten zu finden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Ansichten vertritt.

Immer wieder werden wir Zeugen seiner Visionen – Zeugen, wie ein junger Mann zu einem kleinen Jungen wird – Zeugen, wie seine verkorkste Kindheit ihn heimsucht, ihn gefangen hält.

Zeugen? Ja, Zeugen, denn Tim Schaller spielt die verschiedenen Altersstufen und verwirrenden Gefühle so überzeugend und trotz abrupter Wechsel stets auf den Punkt, dass wir alle bei ihm sind.

Strahlende und flirrende Augen wechseln genauso wie seine Hautfarbe und Körperhaltung bzw. Körperspannung je nach Gemütszustand – und wir – wechseln mit! In den besonders berührenden Momenten haben einige von uns sogar Tränen in den Augen und es würde mich nicht wundern, wenn die eine oder andere Publikums-Mama in Gedanken schon fiktive Adoptionspapiere ausgefüllt hätte…

„Letztendlich geht es in dem Stück um Empathie“, bekräftigt Bernd Upadek nach der großartig inszenierten Vorstellung, „wenn wir es schaffen, dass die Zuschauer Mitgefühl empfinden, haben wir unser Ziel erreicht.

Und das haben sie! Verstärkt wird unser Mitgefühl hierbei sehr wahrscheinlich aber auch noch durch die teilweise so herrlich unangenehme Spielweise der Mutterrolle von Silja Drach, mit der meine Kollegin (auch Grundschullehrerin) und ich am liebsten schon nach ihrem ersten Erscheinen ein Elterngespräch geführt hätten.

Und so wünschen wir alle dem Wichard, dass er es eines Tages schafft, seiner Mutter gegenüberzutreten – dass er es schafft, sich selbst in der Realität anzuerkennen und mit seiner Vergangenheit abzuschließen, in dem er zu ihr sagt: „Ich bin`s Richard! Ich bin aus dem Bus ausgestiegen! Ich werde jetzt leben!“

Und … bis es so weit ist, hat er ja zum Glück seine Karolien und seinen Bus, oder …. vielleicht doch nicht? …

Also dann: Bahn frei!

Eure Kirsten

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