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Theaterkolumne: „Transit“

3 Stunden Spielzeit bis 23 Uhr???

Das hatte ich beim Aussuchen meiner Vorstellungen wohl überlesen. Au weia!

Hoffentlich wird das gut – ich gehe doch eigentlich in der Woche schon immer um 22 Uhr ins Bett –  bloß nicht einschlafen!

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Als ich mit meinem Vater das Theater betrete, habe ich zunächst noch die Befürchtung, ich hätte mich im Tag oder der Uhrzeit geirrt – so leer habe ICH das Theater selten erlebt – schade! Doch woran liegt es? Spielzeit? Uhrzeit? Oder ist es ein Spiegel dessen, was man auch in den Medien oder Gesprächen insgesamt beobachten kann? Das Interesse am Thema „Flüchtlinge“ scheint in den letzten Monaten rapide zu sinken.

Aber sie sind noch immer da – oder in unserem Falle eher – schon da. Denn als wir den Zuschauerraum betreten, sind bereits alle Flüchtlinge anwesend – in ihrer Welt um 1940 in Frankreich. Doch obwohl das Stück schließlich anfängt, habe ich trotzdem nicht das Gefühl eines Beginns. Es fühlt sich eher so an, als wäre ich dazugestoßen (was ja auch stimmt). Das Saallicht bleibt weitgehend an und ständig redet einer der Akteure mit mir (uns), was verhindert, dass ich in ihrer Geschichte abtauchen kann. Doch als ich mich von meinen eigenen Casablanca-Kopf-Klischees verabschiede, fällt mir auf, dass sowohl die Romanvorlage von Anna Seghers als auch die momentane Flüchtlingspolitik sich ein Abtauchen wohl auch nicht wünschen würde.

Na denn!

„Transit“ handelt von den Flüchtlingen, die zur Nazizeit in Marseille gestrandet sind und versuchten, die fast schier unlösbare Aufgabe zu bewältigen, an die vielen nötigen Papiere zu kommen, die ihnen ermöglichen würden, in ein sicheres Land auszureisen. Gleich zu Beginn machen die Darsteller deutlich, dass sie reagierende Körper in einem sie umschließenden System sind. Zu einer rüttelnden Soundcollage ohne Rhythmus zucken, und wippen sie synchron eng aneinander stehend und enden schließlich, durch den Ausnahmezustand mit einander verbunden, in einem Gordischen Knoten. Inmitten dieses Knotens steckt ein junger Mann, der auf verschiedenste Art und Weise von den Menschen um ihn herum beeinflusst wird. Entwickeln soll er sich – ein Ziel soll er haben – doch scheint er weder zu wissen wozu noch wohin. Wie auch so viele von den Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, verfügt er nicht über den großen Masterplan. Er hat sich das Szenario nicht ausgedacht und doch muss auch er seinen Weg oder vielleicht vielmehr seinen Platz in diesem Paralleluniversum in Marseille finden bzw. behaupten.

Transit_foto.sewerynzelazny-4Wachsam müssen wir Zuschauer dabei schon sein, denn immer wieder wechseln die Darsteller nur durch den Austausch eines Accessoires und ihren körperlichen Ausdruck die Rolle. Manche unterstützen sich, andere stehen im Weg, viele Bekanntschaften sind nur flüchtig, aber es wirkt stets so, als ob die Figuren den Wert jeder Bekanntschaft im Hinblick auf das eigene Weiterkommen überprüfen. Wie schon Anna Seghers durch ihre Erzählperspektive, lässt auch der Regisseur Paul Binnerts mit seiner Technik „Real-Time-Acting“ seine Akteure immer wieder mit uns in den Dialog (Monolog) treten.
Dass ich im Stück nicht abtauchen kann, bedeutet damit aber auch, dass ich als Gegenüber präsent bleibe! Ich gehöre nicht dazu – bleibe aber auf eine skurrile Art und Weise allein durch meine Aufmerksamkeit wichtig – wie vergleichbar! Denn noch immer haben wir hier in Deutschland viele Menschen, die auf unsere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit angewiesen sind. Ob Masterplan oder nicht, auch wir haben hier diese Paralleluniversen und viele Flüchtlinge werden sich inmitten unserer Bürokratie manchmal ähnlich fühlen, wie die Deutschen damals in Marseille.

Bloß nicht einschlafen? Ich bin wieder wach!

Also dann: Augen auf!

Eure Kirsten

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